Lehrgang abgeschlossen: Frauen sind wahlkampffit

03.02.2025, 10:00

Teilnehmerinnen haben sich zu bevorstehendem Gemeindewahlkampf weitergebildet – Langjährige Merkel-Beraterin Eva Christiansen überzeugt von Glaubwürdigkeit und Authentizität in der Politik

Die Absolventinnen des Basis-Lehrgangs für Frauen in der Gemeindepolitik bei der Zertifikatsverleihung am 31. Jänner 2025 an der Eurac Bozen (Foto: AuerLukasPhotography)
Die Absolventinnen des Basis-Lehrgangs für Frauen in der Gemeindepolitik bei der Zertifikatsverleihung am 31. Jänner 2025 an der Eurac Bozen (Foto: AuerLukasPhotography)

Im Auditorium von EURAC Research wurde am 31. Jänner der erste Lehrgang für Frauen in der Gemeindepolitik erfolgreich beendet. 76 Teilnehmerinnen hatten sich seit November 2024 zu insgesamt acht Modulen – in Präsenz und online - getroffen, um dabei unterschiedliche Aspekte der Gemeindearbeit und des Wahlkampfes zu vertiefen. Schließlich stehen im Mai Gemeindewahlen an, bei denen auch Frauen ein wichtiges Wort mitreden wollen.

In seiner Einleitung führte Eurac-Präsident Roland Psenner aus, dass erst seit wenigen Jahrzehnten Frauen in Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft oder Politik sichtbar werden und es an der Zeit sei, ihre Leistungen zu würdigen. Der Präsident des Südtiroler Gemeindeverbands Andreas Schatzer ermutigte die Frauen, sich die Gemeindepolitik zuzutrauen, denn es brauche das Engagement von Frauen, die aktiv mitwirken, denn mit Quoten allein könne die politische Landschaft nicht vielfältiger und gerechter gestaltet werden.

Ulrike Oberhammer unterstrich, dass es nach wie vor in der Politik hauptsächlich nur männliche Bilder gibt. „Es braucht die Sichtbarkeit der Frauen, damit sie gewählt werden und in den Entscheidungsgremien notwendige Veränderungen mitgestalten können. Deshalb richten wir an alle Frauen den Aufruf, die Initiative ‚Eine ist nicht genug‘ mitzutragen,“ so die Präsidentin des Landesbeirates für Chancengleichheit für Frauen.

“Die Politik ist immer noch für diejenigen gedacht und wird von denen gemacht, ‚die eine Ehefrau zu Hause haben‘. Der Lehrgang hat wertvolle Inhalte vermittelt, die den Frauen helfen werden. Frauen sind kompetent, haben gelernt, sich sowohl in sozialen Medien als auch in der realen Welt Sichtbarkeit zu verschaffen und eine starke politische Präsenz zu zeigen. Sie wollen die Politik mitgestalten und von der ausschließlichen Verantwortung für Care-Arbeit entlastet werden – denn Politik sollte auch für jene möglich sein, die einen Ehemann oder Partner zu Hause haben", erklärte Nadia Mazzardis, Vizepräsidentin des Landesbeirates.

Die Historikerin Alessandra Spada, Präsidentin des Frauenarchivs Bozen, gewährte Einblicke in herausragende Lebenswege politisch aktiver Frauen und schlug einen Bogen von den 21 Frauen der Verfassungsgebenden Versammlung (Le 21 donne della Costituente) bis zu Frauen, die in den 70er und 80er Jahren in Südtirol Vorreiterinnen waren und wichtige Fortschritte u.a. im Kampf gegen häusliche Gewalt an Frauen, für die Einrichtung von Frauenhäusern oder für das Recht auf Abtreibung erreichten. „Es ist dringend erforderlich, diese weiblichen Lebenswege historisch aufzubereiten, denn sonst geraten sie in Vergessenheit“, beschrieb sie eine gemeinsame Zielsetzung der Frauenbewegung.

Ein besonderer Höhepunkt der Abschlussveranstaltung war das Online-Interview mit Eva Christiansen. Die langjährige enge Beraterin der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel berichtete im Gespräch mit Josef Bernhart, Vizeleiter des Instituts für Public Management der Eurac, über ihre Erfahrungen und die Herausforderungen für Frauen in der Politik. „Um erfolgreich zu gestalten, muss Politik Menschen überzeugen und glaubwürdig sein. Das Wichtigste dazu ist Authentizität. Es geht um Glaubwürdigkeit auf der Langstrecke, nicht um den kurzfristigen Erfolg. Entscheidend ist, dass Politikerinnen ihre klare Haltung zeigen, Lösungen anbieten, für die Menschen da sind, Dinge umsetzen und gestalten. Das schafft Vertrauen.“ Private Einblicke und Einflussnahme von außen müssten nicht akzeptiert werden. Jede Politikerin könne Grenzen ziehen und selbst entscheiden, wie viel Teilhabe sie an ihrem privaten Leben zulassen möchte oder ob sie Kleider oder Hosen trägt. Im Wahlkampf müsse frau nicht unbedingt die Frauenkarte ziehen, denn das Geschlecht sei prinzipiell kein politischer Inhalt. Es brauche jedoch eine angemessene Frauenvertretung, die nur über eine Quote zu erreichen sei. Frauen müssten sich bewusst sein, dass stereotypes Denken in der Öffentlichkeit kulturell immer noch tief verankert sei. Es könne auch der Druck entstehen, Frauenfeindlichkeit und Sexismus ertragen zu müssen. Durchsetzungsvermögen und politische Härte seien dabei manchmal nötig und nicht unsympathisch, sondern ein Zeichen von Stärke. „Jede Frau, die den Schritt in die Politik wagen will, sollte davon überzeugt sein und mutig ihren Weg gehen,“ wünschte Christiansen allen anwesenden Frauen abschließend viel Erfolg.

Landeshauptmann Arno Kompatscher verfolgte die Veranstaltung und betonte: „Eine der ernsten Erkenntnisse in der Politik ist jene, dass auch Fehler gemacht werden können. Wir brauchen mehr Frauen, damit Entscheidungsfindungen besser werden. Deshalb wünschen wir uns viele Frauen, die sich für den Weg in die Gemeindepolitik oder auch Landespolitik entscheiden.“

Den Eindruck, dass die Gemeindestuben demnächst weiblicher werden könnten, vermittelten die vielen motivierten Absolventinnen des Lehrgangs bei der Verleihung der Zertifikate durch Landeshauptmann Arno Kompatscher, Beiratspräsidentin Oberhammer und Vizepräsidentin Mazzardis.

ap