Der Körper von Frauen darf nicht länger zum ideologischen Schlachtfeld werden.
Debatte rund um die für alle Frauen offene Schwimmstunde im Schwimmbad Salurn
Der Landesbeirat für Chancengleichheit der Frauen verfolgt die Debatte rund um die für alle Frauen offene Schwimmstunde im Schwimmbad Salurn mit Sorge.
Wieder einmal wird der Körper von Frauen zum Gegenstand von Bewertungen, Reglementierungen und politischen Auseinandersetzungen. Die Umstände mögen sich ändern, die Argumente ebenfalls – das Grundmuster bleibt jedoch dasselbe: Immer gibt es jemanden, der glaubt, bestimmen zu können, was der „richtige“ Weg ist, eine Frau zu sein.
Es ist unbestritten, dass es Kulturen gibt, in denen der Weg zur Gleichstellung und Selbstbestimmung von Frauen noch schwieriger ist als in unserer Gesellschaft. Gerade deshalb sind wir überzeugt, dass dieser Weg durch Inklusion, Dialog und eine schrittweise Teilhabe am gesellschaftlichen Leben begleitet werden muss – nicht durch Konfrontation oder öffentliche Stigmatisierung.
Für manche Frauen kann eine Schwimmstunde ausschließlich unter Frauen einen ersten Schritt darstellen, um ein besonders abgeschottetes familiäres Umfeld zu verlassen, soziale Kontakte aufzubauen, mehr Selbstständigkeit zu gewinnen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wird diese Möglichkeit jedoch zum Gegenstand einer öffentlichen Kontroverse gemacht, besteht die Gefahr, dass genau das Gegenteil erreicht wird: Die betroffenen Frauen werden gesellschaftlicher Bewertung ausgesetzt und in vielen Fällen davon abgehalten oder sogar daran gehindert, dieses Angebot überhaupt wahrzunehmen.
Die Geschichte zeigt uns, dass auch in unserer Gesellschaft die Freiheit der Frauen Schritt für Schritt erkämpft werden musste. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Frauen bestraft, weil sie einen Bikini trugen – heute erscheint uns das unvorstellbar. Gerade das sollte uns bewusst machen, dass kultureller Wandel nicht durch Verbote oder polarisierende Kampagnen entsteht. Echte Emanzipation verwirklicht sich vor allem durch wirtschaftliche Unabhängigkeit, Erwerbstätigkeit, Bildung und die Möglichkeit, gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Auch heute leben viele Frauen weiterhin in wirtschaftlicher Abhängigkeit oder stehen vor erheblichen Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und familiären Sorgeaufgaben. Obwohl Südtirol insgesamt eine hohe Beschäftigungsquote aufweist, besteht nach wie vor ein deutlicher Unterschied zwischen Frauen und Männern: Bei den 20- bis 64-Jährigen sind 74,3 % der Frauen, aber 85,5 % der Männer erwerbstätig – eine Differenz von mehr als elf Prozentpunkten. Deshalb sind wir der Auffassung, dass die eigentlichen Prioritäten darin liegen müssen, Bildungs- und Betreuungsangebote auszubauen, mehr Plätze in Kitas zu schaffen, Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu stärken, die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen zu fördern und wirtschaftliche Gewalt wirksam zu bekämpfen. Nur so entstehen die Voraussetzungen dafür, dass jede Frau ihren eigenen Lebensweg selbstbestimmt wählen kann.
Die Freiheit von Frauen wird nicht dadurch verteidigt, dass andere darüber entscheiden, wie sie sich kleiden sollen. Sie wird dadurch verteidigt, dass Frauen die Möglichkeit erhalten, selbst zu entscheiden.
Der Landesbeirat für Chancengleichheit der Frauen wird sich weiterhin mit Nachdruck dafür einsetzen, politische Maßnahmen zu fördern, die Autonomie, Teilhabe und die Rechte aller Frauen stärken – unabhängig von ihrer Herkunft, Kultur oder persönlichen Überzeugung.
Die Präsidentin Ulrike Oberhammer
Die Vizepräsidentin Nadia Mazzardis
UO/NM